dk: Es ist immer von Jürgen Rieger und der Wilhelm-Tietjen-Stiftung die Rede. Wieviele Leute stecken dahinter?
Andreas Speit: Bisher trat nur Jürgen Rieger als Bevollmächtigter der Stiftung auf. Er soll auch alleine die Geschäftsanteile der Firma, mit Sitz in London, besitzen. Nicht die Personaldecke, sondern das Finanzvolumen macht die Bedeutung des Unternehmens aus. Die gebotene Summe von 3,4 Millionen Euro deutet die Spielräume an. Zudem soll Kapital der WTS in Aktien angelegt sein. Und für seine Projekte findet Rieger immer personelle Unterstützung aus der Szene.
Wie groß ist die rechte Szene in Norddeutschland?
In Niedersachsen wachsen NPD und Freie Kameradschaften stetig an, gerade zwischen Verden, Bremen und Oldenburg. Der niedersächsische Verfassungsschutz spricht von mehr als 2800 Rechtsextremisten.
Sind es die alten Reize, die so anziehend wirken?
Jein. Immer mehr junge Männer und Frauen wenden sich aus politischer Überzeugung rechten Strukturen zu, nicht weil sie desorientiert oder arbeitslos sind. Für sie ist der Nationalsozialismus eine gesellschaftliche Alternative. Sie sagen selbstbewusst: „Ich bin Nazi und das ist gut so.“
In Ihrem Buch „Mythos Kameradschaft“ schreiben Sie, die braune Gemeinschaft werde durch Gewalt zusammen gehalten: Gewalt gegen Ausländer, gegen Antifaschisten, aber auch gegen die eigenen Leute. Ist es also Gewalt, und gar nicht vorrangig Ausländerhass, was die Neonazis eint?
In der Studie berichten Aussteiger erstmals über körperliche Misshandlungen und sexuelle Übergriffe, auch tödliche Gewalttaten unter ‘den Kameraden’ werden dargestellt. Doch die angedeutete Trennung von Gewalt und Ausländerhass besteht nicht. Diese Gesinnungsgemeinschaft stabilisiert sich durch verschiedene Faktoren – von politischen Überzeugungen bis zur Gruppendynamik.
Ist Jürgen Rieger, der den Holocaust leugnet, der Rechte wie Michael Kühnen vor Gericht vertrat, der Rudolf-Heß-Gedenkmärsche organisiert, der „reinrassige Deutsche“ zur Umsiedlung auf ein von ihm in Schweden gekauftes Anwesen bewegen wollte, damit sie dort „fernab von schädlichen Einflüssen germanische Nachkommen großziehen“, der Multifunktionär der rechten Szene ist, ist dieser Rieger ein Diktator im Kleinen?
Er betont gerne, dass er kein Drahtzieher sei. Doch Rieger ist einer der wenigen Neonazis, denen die alten NSDAP-, SA- und SS-Angehörigen vertrauen und dem die neuen Neonazis, NPDler und Kameradschaftler glauben. Ihm gelingt es seit Jahrzehnten, über die politischen Grenzen der jeweiligen Szene hinweg zu agieren. Das Hotel am Stadtpark könnte denn auch allen rechten Spektren offen stehen. Und den Befehlston beherrscht er. Rieger scheut sich auch nicht, vor laufender Kamera Morddrohungen gegen Reporter und Polizisten auszusprechen.
Lässt sich solch ein Mann von Unterschriftensammlungen und Demos beeindrucken?
Nein. Das sagt er jedenfalls. Bei der Auseinandersetzung um den Heisenhof aber wird offensichtlich, dass ihn die dauerhaften Proteste und rechtsstaatliche Maßnahmen zumindest etwas ‘verstimmen’.
Was droht Delmenhorst, wenn die Stiftung das Hotel kauft?
Dort, wo solche Schulungs- und Tagungszentren betrieben werden, festigte sich die Szene und erweiterte sich meist. Rechte Gäste aus dem Bundesgebiet wären zu Parteitagen und ‘Bildungsveranstaltungen’ zu erwarten. Überraschungen gäbe es auch: In Pößneck richtete die thüringische NPD im vergangenen Jahr in Riegers „Schützenhaus“ ihren Parteitag aus. Am Abend kamen dann plötzlich mehr als 1000 Neonazis zu einem Rechtsrockkonzert mitten in der Stadt zusammen. Die Polizei hat eiligst 300 Beamte herbeigezogen, konnte ein Verbot aber nicht mehr durchsetzen.
Wie kann man sich wehren?
… den Kauf verhindern. Mit dem Baurecht oder durch Nutzungsauflagen kann später eine politische Auseinandersetzung nicht gelöst werden. In Dörverden bremste der breite Protest zwar einen schnellen Ausbau des Heisenhofs, aber es ist eine kraftzerrende Auseinandersetzung. Und der Hof wird trotzdem genutzt, ein Ende ist nicht absehbar. Delmenhorst muss vorher einschreiten.