Landkreis Verden ist mit rechtlichen Mitteln gegen Heisenhof-Pläne vorgegangen
Bereits im Juli 2004 erwarb die Wilhelm-Tietjen- Stiftung ein Anwesen in Dörverden, um dort ein Schulungszentrum einzurichten. Es folgten Demontrationen und Protestmärsche.
DELMENHORST•DÖRVERDEN (TI). Seit Juni vergangenen Jahres ist der Eingang zum Hotel am Stadtpark verrammelt, ein wahrlich trostloser Anblick am Rande der Grünen Lunge. Noch während des Betriebs hatte Ex-Hotelier Günter Mergel versucht, die Immobilie zu veräußern. Erfolglos.
Auch für den Heisenhof in Dörverden fand sich lange Zeit kein Käufer. Schließlich ersteigerte der rechtsextreme Hamburger Anwalt Jürgen Rieger unter dem Deckmantel der Wilhelm-Tietjen-Stiftung im Juli 2004 das 26 000 Quadratmeter große Anwesen für gerade mal 250 000 Euro von der ehemals bundeseigenen Industrieverwaltungsgesellschaft (IVG). Die Gemeinde stand dem machtlos gegenüber. Besonders brisant: Während des Zweiten Weltkriegs diente der Heisenhof als Verwaltungsgebäude der ehemaligen Eibia-Pulverfabrik, für die viele hundert Zwangsarbeiter schuften und leiden mussten. Die von Rieger angegebenen Pläne für den Heisenhof: Ein Schulungszentrum und eine Station für Fruchtbarkeitsforschung einrichten. Zunächst einmal brachte der Neonazi-Anwalt jedoch einen Teil seiner umfangreichen Sammlung an Wehrmachtsfahrzeugen auf das Landgut.
„Wir haben alle rechtlichen Register gezogen, um das rechtsradikale Treiben zu verhindern“, sagt Roland Butz, Erster Kreisrat des Landkreises Verden, auf dk-Anfrage. So sei Rieger mittels Bau- und Bauplanungsrecht bislang gehindert worden, seine Pläne umzusetzen. „Bauanträge für vier Gebäude befinden sich derzeit im Klageverfahren, im September hat das Verwaltungsgericht einen Ortstermin angesetzt“, sagt Butz. So sei es Rieger bislang nicht möglich gewesen, das Anwesen als Wohnstätte zu verwenden. Auch die gewerbliche Nutzung, die das Gesetz für denkmalgeschützte Gebäude erlaubt, wurde verhindert: Die Landesdenkmalschutzbehörde hatte sich mit dem Fall beschäftigt und den Denkmalschutz kurzerhand aufgehoben. Auch die Bürger reagierten: Die 40 Kilometer von Bremen entfernt liegende Gemeinde Dörverden war mehrfach Schauplatz von Demonstrationen und Protestaktionen gegen Rechtsradikalismus. Immer wieder tauchten Berichte darüber auf, dass sich auf dem Heisenhof- Gelände vorbestrafte Neonazis aufhalten.
Das „Problem Rieger“ will man im Landkreis Verden freilich gerne los werden. Und vielleicht hat sich der vorbestrafte Rechtsextremist mit dem Delmenhorster Hotel neu orientiert. Immerhin: Die örtlichen Umstände liegen hier gänzlich anders. Womöglich günstiger? Was genau die Wilhelm- Tietjen-Stiftung für Fertilisation – so der vollständige Name der in London sitzenden Firma, mit dem Hotel vor hat, bleibt zunächst unklar. Abermals ist von einem Schulungszentrum die Rede.
Die Wilhelm-Tietjen-Stiftung trägt den Namen eines Bremer Altnazis, der nach dem Zweiten Weltkrieg durch Aktienspekulationen zu einem Vermögen gekommen und Rieger nach dessen Tod im Jahr 2002 eine hohen Geldbetrag vermacht haben soll. Dem Vernehmen nach handelt es sich dabei jedoch lediglich um eine Briefkastenfi rma, deren Direktor Jürgen Rieger ist.
Sollte Rieger das Stadtpark- Hotel erwerben, wäre es Teil einer Reihe von Rieger angekaufter Immobilien in Deutschland und Schweden. Beobachter sprechen bereits von einem Netzwerk rechtsextremer Gesinnung, das bereits die Neonazi-Szenen Englands, Schwedens und Deutschlands miteinander verknüpft.
JÜRGEN RIEGER Der Hamburger Jurist Jürgen Rieger gilt als einer der führenden deutschen Neonazis. Offi ziell erwirbt Rieger Immobilien für die in London ansässige „Wilhelm-Tietjen-Stiftung für Fertilisation“. Die Stiftung wolle, so Rieger zum „Spiegel“, kinderlosen Ehepaaren zu Kindern verhelfen. Dies sei nach britischem Recht einfacher als nach deutschem, weil beispielsweise die Leihmutterschaft hier zu Lande verboten sei, in England hingegen nicht. Rieger, der laut „Welt“ auch Hauptfunktionär der „Artenmeinschaft - Germanische Glaubensgemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung“ ist, soll bereits 1995 in Schweden ein Anwesen gekauft haben. Damals soll der Hof dem Zweck gedient haben, ein „germanisches Landkollektiv“ für Mitglieder der „nordisch-blonden Rasse“ zu begründen. Das Projekt sei mangels interessierter Familien gescheitert, so der „Spiegel“.