
Buchautor Paul Wilhelm Glöckner über historische Parallelen
Seit Neonanzi-Anwalt Jürgen Rieger Interesse am Hotel am Stadtpark bekundet hat, ist Delmenhorst bundesweit in aller Munde. Grund genug, einen Blick auf den früheren Umgang mit Völkischen und Nazis zu werfen.Von frank hethey
dk: Herr Glöckner, als Autor des Buches „Delmenhorst unterm Hakenkreuz“ ist Ihnen die NS-Vergangenheit gut vertraut. Sind die Delmenhorster besonders anfällig für braune Ideologie?
Paul Wilhelm Glöckner: Auf keinen Fall. Das nationalsozialistische Gedankengut ist von außen in die Stadt getragen worden, seinen Ursprung hatte es nicht in Delmenhorst. Richtige Nazis hat es hier nur ganz vereinzelt gegeben.
Sehr schmeichelhaft, da werden sich viele Delmenhorster auf die Schulter klopfen.
Zu Recht. Der Impuls für die Gründung einer NS-Ortsgruppe im Juli 1926 kam aus dem Landkreis, aus Ganderkesee. Friedrich Struthoff, seit 1933 Bürgermeister von Ganderkesee, sagte sich: Jetzt fangen wir an, Proselyten zu machen. Gerade in Delmenhorst, als größter Industriestadt im Land Oldenburg.
Und wie ist die Reaktion ausgefallen?
Die Gründungsversammlung ist geplatzt. Als Redner war ein Österreicher eingeladen, der damals 29-jährige Historiker Richard Suchenwirth. Aber der ist gar nicht erst zu Wort gekommen.
Sonderlich gastfreundlich waren die Delmenhorster also nicht?
Nein, ganz und gar nicht. Es saßen viele Gegner im Saal des Fitgerhauses. In der Hauptsache Sozialdemokraten und Kommunisten. Die haben ihn einfach niedergeschrien. Heute würde man sagen: So was macht man nicht, das sind doch „undemokratische“ Methoden.
Da mussten die Parteigenossen den Gründungsakt wiederholen?
Ganz recht. Der zweite Anlauf ging im September 1926 in Sudmanns Hotel über die Bühne. Diesmal handelte es sich um eine private und keine öffentliche Versammlung. Angeblich sollen 50 Personen dabei gewesen sein. In meinen Augen eine sehr fragwürdige Zahlenangabe.
Aber der Erfolg kam dann doch noch, wenn auch mit ein paar Jahren Verzögerung.
Richtig. Dennoch hatte es die NSDAP hier alles andere als leicht. Delmenhorst war eben eine Arbeiterstadt. Bei den Landtagswahlen vom 29. Mai 1932 hat die NSDAP in den Stadtbezirken gerade mal 34,7 Prozent erreicht – das beste Ergebnis bei freien Wahlen. Im Land war die Zustimmung viel größer, teils lag sie bei 60 oder 70 Prozent.
Jürgen Rieger ist Vorsitzender des eingetragenen Vereins „Artgemeinschaft – Germanische Glaubensgemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung“. Seine Organisation bekennt sich zum Neuheidentum, sie steht in der völkisch-rassistischen Traditionslinie. Da stellt sich die Frage: Muss man differenzieren zwischen Nazis und Völkischen?
Meinetwegen können die Baldur oder Odin anhimmeln, das ist mir egal. Der entscheidende Punkt ist doch: Wenn Rieger sagt, er sei kein Nazi, muss man ihn an seinen öffentlichen Äußerungen messen.
Sie würden also sagen: Im Augenblick sollte man nicht versuchen, feine Unterschiede zu machen?
Genau. Die Diskussion wäre jetzt müßig und überflüssig. Die Übergänge zwischen Völkischen und Nazis sind und waren fließend. Von daher sind die Rieger-Leute genauso zu bekämpfen wie die Völkischen, die sich der Hitler-Bewegung angeschlossen haben.
Bleibt die Frage, was zu tun ist. Können wir aus der Aktion von 1926 gegen die Partei-gründung lernen, wenn es darum geht, den Hotelverkauf an die Wilhelm-Tietjen-Stiftung von Jürgen Rieger zu verhindern?
Ich meine: Ja. Schon aus den kleinsten Anfängen erwachsen Gefahren für die Demokratie. Man muss jetzt etwas tun – jetzt, wo es anfängt. Nicht erst, wenn es zu spät ist. Der gemeinsame Protest von Sozialdemokraten und Kommunisten hat gezeigt, was man gemeinsam erreichen kann.
Danach sieht es derzeit nicht unbedingt aus...
... leider! Das ist wirklich typisch für Delmenhorst. Ein Trauerspiel.
Hier das linke Aktionsbündnis, dort SPD und CDU unter dem Banner des DGB. Wozu raten Sie?
Es darf auf keinen Fall Parteiengezänk geben. Wir brauchen eine geschlossene Gemeinschaftsaktion wie zuletzt beim Kampf für die Kreisfreiheit 1973. Und die kann es nur geben, wenn die Stadt das Heft des Handelns in die Hand nimmt. Oberbürgermeister Carsten Schwettmann ist jetzt gefordert. In aller Kürze müssen Kundgebungen organisiert werden.
"Artgemeinschaft“
Rechtsanwalt Jürgen Rieger, geboren 1947 in Blexen bei Nordenham, ist seit 1989 Vorsitzender der „Artgemeinschaft – Germanische Glaubensgemeinschaft wesensgemäßer Lebenshaltung“ und Chefredakteur ihres Sprachrohrs, der vierteljährlich erscheinenden „Nordischen Zeitung“. Die „Artgemeinschaft“ wurde 1951 gegründet, 1965 fusionierte sie mit der Nordischen Glaubensgemeinschaft von 1928. Die „Artgemeinschaft“ bekennt sich zum Neuheidentum. Sie bekämpft das Christentum als „nicht artgemäße Fremdreligion“. Laut Aufnahmevorschrift muss jeder Aufnahmewillige „überwiegend nordisch-fälische Menschenart verkörpern“. Der Mitgliedschaft geht eine einjährige Anwärter-Phase voraus. Die „Artgemeinschaft“ wirbt mit regelmäßig wiederkehrenden Gemeinschaftstagen.