Briefwechsel von 1949 bis 1964 gibt Einblick in Vorläuferorganisation von Jürgen Riegers Artgemeinschaft
In Deutschland haben völkische Organisationen eine lange Geschichte. Die „Artgemeinschaft“ von Neonazi-Anwalt Jürgen Rieger gehört auch dazu.
von frank hethey
delmenhorst. Aus seiner Abneigung gegen „Artfremde“ hat der vormalige Reichsgerichtsrat Norbert Seibertz zeitlebens keinen Hehl gemacht. „Wir wollen das demokratische Recht haben, uns gegen die zwangsweise Kreuzung mit Zulukaffern oder Juden zu wehren“, vertraute er als 60-Jähriger seinem Gesinnungsfreund Wilhelm Ladewig an. Der pflichtete bei. Nichts sei so gefährlich wie „Vermischungsreklame“: Das „nordische Arterbe“ müsse durch ständige Zuchtbemühungen erhalten werden.
Weit gefehlt, wer mutmaßt, es handele sich bei diesen Äußerungen um rassistisches Geschwätz aus längst vergangenen Tagen. Vielmehr sind sie einem Briefwechsel entnommen, der sich von 1949 bis 1964 erstreckte. Die korrespondierenden Herren bewegten sich schon seit Jahrzehnten in der völkischen Szene. Wilhelm Ladewig, der Freund des Zuchtgedankens, begeisterte sich als schleswig-holsteinischer Heimatforscher für den „nordrassischen Feuergeist“ eines friesischen Revolutionärs aus dem 19. Jahrhundert, Harro Harring. Sein Gesprächspartner, der frühere Reichsgerichtsrat Norbert Seibertz, war Gründungsvorsitzender der Nordischen Glaubensgemeinschaft von 1927, die sich seit 1954 Nordisch-religiöse Gemeinschaft nannte.
Im vielfältigen Spektrum der völkischen Organisationen hat die Nordisch-religiöse Gemeinschaft nicht lange überdauert. Kaum war Seibertz gestorben, schloss sie sich 1965 der „Artgemeinschaft – Germanische Glaubensgemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung“ an. Eben jener Gruppierung, die heute von Neonazi-Anwalt Jürgen Rieger als eingetragener Verein geführt wird. Wilhelm Kusserow, Riegers Vorgänger als Chef der „Artgemeinschaft“, würdigt in seiner Autobiografie „Heimkehr zum Artglauben“ die Führungsqualitäten von Seibertz. Der Reichsgerichtsrat habe ihn mit dem ganzen Umfang der nordisch-gläubigen Bewegung bekannt gemacht.
Der millionenfache Judenmord spielte im Briefwechsel der beiden Gesinnungsfreunde Seibertz und Ladewig nicht die geringste Rolle. Im Gegenteil: Sie wähnten, der nordische Mensch werde noch stärker als früher von einer globalen Einheitsfront aus Juden und Jesuiten gegängelt. Allen Ernstes mutmaßte Ladewig im November 1949, die neu gegründete Deutsche Partei stehe unter jesuitischer Führung. Auch überregionale Tageszeitungen seien mit Bedacht zu lesen: „Was die Zeitung ‚Die Welt‘ angeht, so habe ich den Eindruck, dass sie weniger hebräisch als jesuitisch geleitet wird.“ Für Seibertz war das ohnehin nur eine Spitzfindigkeit: „Juda und Rom gehen seit 2000 Jahren Arm in Arm. Juda weiß sehr gut, dass es mitfällt, wenn Rom fällt.“
Wirre Verschwörungstheorien prägen die Wirklichkeitswahrnehmung der völkischen Rassenkämpfer seit ihren organisatorischen Anfängen im ausgehenden 19. Jahrhundert. Für sie steht fest: Ein permanenter Rassenkampf bestimmt den Gang der Weltgeschichte. An vorderster Front stünden sich Arier und Juden unversöhnlich gegenüber. Wer das begriffen habe, werde völlig neue Einsichten gewinnen. Etwa über den wahren Charakter des Christentums. Tatsächlich sei es nämlich ein perfides Werkzeug in den Händen des internationalen Judentums. Mit keinem anderen Zweck, als die arische Gegnerrasse durch abstruse Jenseitsvorstellungen dauerhaft zu lähmen. Des Reichsgerichtsrats Weihnachtsbotschaft an Ladewig am 25. Dezember 1950: „Der Zusammenbruch 45 von Hitler verschuldet, hat zu einem Sieg der jüdisch-römischen Meute geführt.“
So unsinnig dergleichen auch klingen mag, der nazikritische Ton lässt aufhorchen. Vor allem Ladewig war auf die „braune Canaille“ schlecht zu sprechen. Die NS-Bevölkerungspolitik betrachtete er als unzulässigen Eingriff in den nordischen Genpool: Niemals dürfe artfremdes Erbgut zur „Aufnordung“ des gefährdeten Nordmenschen herangezogen werden.
Vermutlich sei die NS-Diktatur ohnehin ferngesteuert gewesen, so seine aberwitzige Konspirationstheorie. „Die braune Angelegenheit war in Wirklichkeit gegen das Germanentum gerichtet.“ Als Gerüchte über Hitlers jüdische Abstammung kursierten, fühlte sich Ladewig bestätigt. „Die Schandtaten kommen damit in das Licht einer Art ‚Rache der Natur‘ gegen die Schande der Bastardisierung“, schrieb er im März 1951. Seibertz stimmte zu. Der nordische Mensch könne überhaupt nur in einer freien Welt leben: „Eben deshalb war der Nationalsozialismus eine so völlig unnordische Angelegenheit.“ In einem Schreiben an den früheren Reichskanzler Franz von Papen betonte Seibertz im März 1955: „Die NSDAP war weder konservativ, noch nordisch, sondern eine typische Massenbewegung des 20. Jahrhunderts mit starken proletarischen Instinkten.“
Immerhin, eine einigermaßen überraschende Distanzierung vom Dritten Reich. Doch mit den elitären Vorbehalten der von Rassentheoretiker Hans Günther als „Professoren-Sekte“ geschmähten Seibertz-Truppe war es spätestens nach dem Tod des Reichsgerichtsrats 1964 vorbei. Nach der Vereinigung mit der „Artgemeinschaft“ im folgenden Jahr geriet die nordische Gesinnungsgemeinschaft immer mehr ins Fahrwasser der Ewiggestrigen. Erst recht, als Jürgen Rieger die Führung der „Artgemeinschaft“ übernahm.
Chronik der Rivalen
1927 Die Nordische Glaubensgemeinschaft (NG) konstituiert sich als eingetragener Verein. Als neuheidnische Gruppierung lehnt die Glaubensgemeinschaft das Christentum wegen seiner jüdischen Ursprünge als „artfremde“ Religion ab. Vorsitzender ist Norbert Seibertz.
1950 Seibertz beginnt, Rundbriefe zu verschicken: „Sie sollen nur in die Hände zuverlässiger Anhänger unserer Gedanken kommen.“ Aus konspirativen Gründen sprechen die NG-Mitglieder vom Nordischen Gedanken als „der Sache“ und von Anhängern als „Sachfreunden“.
1951 Wilhelm Kusserow gründet die Artgemeinschaft.
1954 Die Nordische Glaubensgemeinschaft nimmt den Namen Nordisch-religiöse Gemeinschaft an.
1955 Seibertz lehnt Fusionsverhandlungen mit der Artgemeinschaft ab. Begründung: „Die Gemeinschaft hat nicht das geringste Interesse, sich durch interne mit den Herren Kusserow und Weigel zusammenhängenden Streitigkeiten in ihrer positiven Arbeit für die Erhaltung des nordischen Kultur- und Bluterbes lähmen zu lassen.“
1964 Seibertz stirbt 75-jährig.
1965 Die Nordisch-religiöse Gemeinschaft schließt sich der Artgemeinschaft an.